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Dokumentation

Zum Leben erweckt

In der Stuttgarter Schwabstrasse gibt es einen Ort, an dem historische Fernmeldetechnik wieder zum Leben erweckt wird. Ein Team aus 4 bis 6 Personen restauriert, repariert und archiviert eine bis heute wachsende Sammlung an technischen Geräten und bewahrt damit eine faszinierende Technik für die Nachwelt.

Von Peter Berger und Rainer Beer, Fernmeldemuseum Stuttgart.

Fotos und Zeichnungen: Peter Berger, Kornwestheim.

Kennen Sie eigentlich Herrn Pupin und Herrn Pinkert? Auf diese Frage antworten viele Menschen mit einem ratlosen Schulterzucken. Beide Herren haben sich für die analoge Nachrichtentechnik verdient gemacht.

Dem Diplom-Ingenieur Hans Schwab, damals Fernmeldedezernent der Bundesbahn Direktion Stuttgart, war es deswegen wichtig, dass der anlogen Nachrichtentechnik nicht das gleiche Schicksal widerfährt. Bereits Anfang der 1970er Jahre erteilte er seinen Mitarbeitern den Auftrag, bei jedem technischen Generationswechsel mindestens ein Exemplar der zu erneuernden Technik für kommende Generationen zu archivieren.

Peter Krusch, seinerzeit örtlicher Personalrat der Fernmeldemeisterei (Fm) Stuttgart, nahm sich dieser Aufgabe mit viel Leidenschaft an. In einem Kellergewölbe, tief unter dem Stuttgarter Hauptbahnhof, legte er eine lose Sammlung von unterschiedlichsten Geräten an und betreute die Exponate über viele Jahre hinweg gemeinsam mit seiner Familie.

Nach und nach unterstützen ihn interessierte Kollegen der Fm Stuttgart, darunter unter anderen Peter Berger (ab 1994), Rainer Beer und Martin Strauss (ab 1995).

Das Interesse an der Sammlung wuchs bei den Kollegen der Fm Stuttgart, so dass am  26. April 1995 bei der Gründungsversammlung die bereits bestehende Fernmeldemuseumsgruppe offiziell in eine BSW Freizeitgruppe umgewandelt wurde. Die Freizeitgruppe nannte sich in der Folge BSW-Museum für Fernmeldetechnik.

Die Mitglieder des Museums machen es sich zur Aufgabe, die gesammelten Exponate zu reparieren, zu restaurieren und die historischen Geräte dadurch wieder funktionstüchtig zu machen. Darüber hinaus wurden Dienstvorschriften, technische Planunterlagen, Fachliteratur, Fahrpläne und vieles mehr in einem umfangreichen Archiv angelegt.

Bedingt durch die Planung des Projekts Stuttgart 21 zog das Museum 2003 in neue Räumlichkeiten im S-Bahnhof Stuttgart Schwabstrasse um. Der Umzug dauerte ein halbes Jahr und wurde tatkräftig von einer kleinen Gruppe immer dienstags und samstags bewältigt.

Dieser Umzug war Startschuss für ein ambitioniertes Museumsprojekt, denn beim Aufbau der Fernmeldeanlagen in den neuen Räumen stand das Konzept des Deutschen Museums Pate: Die Geräte sollten von Besuchern folglich nicht nur betrachtet, sondern auch in ihrer Funktion bewundert werden. Bei Führungen werden folglich Telegramme und Gespräche von Raum zu Raum verschickt, Läutewerke geschlagen und eine Fahrkarte am Automaten für die Museumsreise gelöst.

Die zwischenzeitlich grosse Zahl faszinierter Besucher bestärkt uns in unserer Philosophie, in dem Museum Exponate zum Leben zu erwecken und die Sammlung ständig zu erweitern. Beim Betreuen und Führen des Fernmeldemuseums ist schliesslich der Weg das Ziel. Das Projekt wird daher nie abgeschlossen sein.

Haben Sie die vorangegangenen Zeilen neugierig gemacht? Dann tauchen Sie doch jetzt in unsere Museumswelt ein. Natürlich können wir Ihnen in diesem Rahmen nicht jedes Exponat im Detail vorstellen. Sollten die folgenden Bilder Ihr Interesse wecken, dann kommen Sie gerne bei uns vorbei, wir freuen uns bereits auf Ihren Besuch.

Morsetechnik                                                   

In Abb. 1 sehen Sie ein Morsegerät in Tischausführung. Die Morsetechnik wurde von     ca. 1920 bis Mitte der 1950er Jahre zur Übermittlung von betriebswichtigen Informationen verwendet. Die Information wurde auf einen Papierstreifen im Morsekode aufgezeichnet.

Bild 1 Morsegerät

Abb. 1: Morsegerät in Tischausführung

Dies hatte zur Folge, dass Bediener wie zum Beispiel ein Fahrdienstleiter, den umfangreichen Morsekode auch aus dem Effeff beherrschen mussten. Zu dieser Morsetechnik gehörte auch ein Läutewerk.

Bild 2 Läutewerk

Abb. 2: Läutewerke

Durch Drehen eines Induktors, am Abgangsbahnhof, kurz vor der Abfahrt des Zuges, wurde am nächsten Bahnhof ein Läutewerk betätigt. Dies war das bekannte Abläuten. Dem Fahrdienstleiter des Folgebahnhofs wurde durch das Abläuten und der Zugmeldung mittels Morsegerät mitgeteilt, dass der Zug am vorgelegenen Bahnhof abfuhr. Er konnte nun seine betrieblichen Massnahmen für die nun folgende Zugfahrt einleiten.

Dienstgespräche

Die für den reibungslosen Ablauf des Zugbetriebes notwendigen Gespräche

(auf der Fs-, Fd-, FbBm-, FbSigm-, Fbu, später FbUD-Verbindung) wurden über das Betriebsnetz in OB-Technik geführt. Es gab das normale Betriebsnetz und das erweiterte Betriebsnetz. Gespräche die über den Betriebsablauf hinausgingen wurden über das erweiterte Betriebsnetz, meist im Basanetz, in ZB-Technik geführt.

Bild 3 Handvermittlung

Abb. 3: Handvermittlung

Da die Gesprächsvermittlung an einer Handvermittlung recht zeitaufwändig war, wurde bereits um 1920 die so genannte Selbstwähltechnik, also die Basa-Technik (Bahnselbstanschlussanlage), entwickelt und eingeführt. Die Selbstwählanlagen der damaligen Reichsbahn waren technisch ausgereifter als die Selbstwählanlagen der damaligen Reichspost.

An der unten gezeigten Basa-Lehranlage kann dem Besucher der Wahlvorgang und somit der Aufbau einer Gesprächsverbindung direkt gezeigt werden.

Bild 4 Lehrbasa

Abb. 4: Basa-Lehranlage mit Namengeber

Uhrzeit

Für einen reibungslosen und pünktlichen Betriebsablauf ist eine genaue Zeitanzeige zwingend notwendig.

Die Bahn bezieht heute ihren Uhrenimpuls von der Technisch-Physikalischen-Anstalt in Braunschweig. Dieser Uhrenimpuls wird über Frankfurt am Main auf die ehemaligen Bundesbahn Direktionen verteilt (München, Stuttgart, Nürnberg, Köln, Hamburg usw.).

Die Bundesbahn Direktionen wiederum verteilten über Uhrenzentralen den Uhrenimpuls an die Mutteruhren entlang der Strecke. Der Uhrenimpuls wird von beiden Endpunkten der Uhren-Fernsteuerstrecke auf die Uhrenleitung gegeben. Bleibt ein Impuls aus, beispielsweise bei Leitungsunterbrechung, werden die Uhren trotzdem auf der gesamten Strecke gestellt.

Bild 5 Uhrenzentrale

Abb. 5: Uhrenzentrale; über der Uhrenzentrale in der Mitte ist ein SGR angebracht.

Zugbahnfunktechnik (ZBF-Technik)

Die beiden Uhrenimpulse werden über einen SGR (Stromstoss-Geber-Relais) miteinander verglichen. Kommt ein Uhrenimpuls etwas früher oder später wird das Pendelreguliersystem für eine Minute aktiviert und die Mutteruhr wird beschleunigt oder verzögert. Nach einer Minute wird verglichen, kommen beide Impulse gleichzeitig an wird das Pendelreguliersystem abgeschaltet. Kommen die Uhrenimpulse immer noch nicht gleichzeitig an, wiederholt sich der oben beschriebene Vorgang solange bis beide Impulse gleichzeitig am SGR eintreffen.

Bedingt durch mehrere schwere Unfälle bestand schon seit langem die Notwendigkeit mit dem fahrenden Zug Sprachkontakt aufzunehmen. Diese Notwendigkeit wurde durch zwei Unfälle in den 1970er Jahren (Radevormwald und auf der Strecke zwischen Warngau und Schaftlach) verstärkt wo es bei schweren Unfällen mehrere Tote zu beklagen gab. Deshalb gab die Deutsche Bundesbahn der Industrie den Auftrag ein Funksystem zu entwickeln, dass es ermöglicht in mehr als 90 Prozent der Strecken einen Sprechkontakt vom Fahrdienstleiter zum Triebfahrzeugführer zu ermöglichen.

Bild 6 ZBF-Zentrale

Abb. 6: Zugbahnfunkzentrale beim Fdl (rechts) mit Lokstation (links)

Ferner können neben Gespräche auch Meldungen wie zum Beispiel kürzeste Fahrzeit einhalten, Zugbeobachten vom Fahrdienstleiter zum Triebfahrzeugführer oder umgekehrt gegeben werden. Dieses ZBF-System wurde erst vor 10 Jahren durch ein wesentlich effektiveres GSM-R System abgelöst.

Nachrichtenübertragung über Freileitung

Die drahtgebundene Nachrichtenübertragung erfolgt früher wie heute über Leitungen. Einst war die analoge Übertragung mittels Freileitung sehr verbreitet, die sehr gute Übertragungseigenschaften bot und im Aufbau kostengünstiger war als die Kabelverlegung. Ein Nachteil war, dass im Winter bei nassem Schnee, der Schnee in den Leitungen kleben blieb und dadurch eine immense statische Belastung auftrat, die des Öfteren mehrere hundert Meter Freileitung zum Einsturz brachte. Auch war bei vielen Leitungen auf dem Freileitungsgestänge die Gefahr des Nebensprechens (starker Störer) gegeben. Dieses Problem löste Herr Pinkert mittels des Pinkertschen-Kreuzungsplanes. Er kreuzte die a/b-Leitungen und die Plätze auf dem Freileitungsgestänge nach einem bestimmten System (siehe DV 864).

Bild7_Phantomschaltung_Kreuzung_n._Pinkert

Abb. 7: Übersicht über eine Phantomleitung mit Kreuzung und Platzwechsel nach Pinkert

Somit erreichte er eine gleich grosse Stör- oder Brummspannung in beiden Sprechadern, die am Ende einer Übertragungsstrecke am NfLÜ (Nf-Leitungsübertrager) bei vollkommender Symmetrie aufgehoben wird.

Bild 8 Platzwechsel

Abb. 8: Freileitungsplatzwechsel 

Nachrichtenübertragung über Kabel

Etwas anders sieht es bei der analogen Nf-Nachrichtenübertragung auf Kabel aus. Hier kommt Herr Pupin ins Spiel. Mihajlo Pupin (1858 - 1935) war ein serbischer Physiker  und er entwickelte das nach ihm benannte Verfahren zur Minderung der Leitungsdämpfung und der Signalverzerrung. Durch Einfügen von Induktivitäten (alle 1.700 Meter) wurde die kilometrische Dämpfung im Sprachbereich (300 - 3.200 Hertz) auf zirka ein Viertel reduziert.

Bild 9

Das hatte zur Folge, dass erst nach einem viermal weiten Leitungsweg teuer verstärkt werden musste. Der Wellenwiderstand erhöhte sich je nach Bespulungsart (leichte/schwere Bespulung) von 600 Ohm auf etwa 1.200 Ohm.

Durch die Bespulung entstand ein Tiefpass. Nach der oberen Grenzfrequenz (3.200 Hertz) stieg die Dämpfung sehr stark an, sodass der Dämpfungsanstieg durch Verstärken nicht ausgeglichen werden kann.

Abb. 9: Prinzipschaltung einer pupinisierten Phantomschaltung

Bild 10 Pupinspule

Abb. 10: Pupinmuffen (alte Ausführung)

In den in Abb. 10 gezeigten Pupinmuffen wurden die Pupinspulen (Induktivitäten) untergebracht und im Erdreich vergraben. Heute, durch die digitale Nachrichtenübertragung mittels PCM, müssen die pupinisierten Aderpaare wieder entpupinisiert (entspult) werden, das heisst die früher mit viel Aufwand eingebauten Induktivitäten werden wieder entfernt.

Liebe Leserinnen und Leser, nun haben Sie einen kleinen Einblick in unser Museumswelt erhalten und wir beenden hier unsere kleine Führung nicht ohne darauf hinzuweisen, auf die vielen noch vorhandenen Anlagen und Geräte, die ebenfalls durch das engagierte Team ihre ursprüngliche Funktion wiedererlangt haben. Sind dies Fahrkartenautomaten, Schranken-Wechselsprechanlagen, Allfernsprecher Typ Af 55, Schalterbasa. Kleinbasa 2/10, Edelmetallmotordrehwähler-Basa (Eisenbahnbautechnik VI),               Einzel-/Wechselsprechanlagen (EL/LW-Anlagen), Glimmlampenschrank, übertragunsfähige Freileitung mit eingebauter Kreuzung und Platzwechsel nach Pinkert, Brandmeldecomputer von der Firma Fritz Fuss mit Brandmelder und Service-Drucker und allen Peripheriegeräte, Fernschreiber (Zusammenspiel mit Typ 34 und Typ 100), Fahrkartendrucker und noch einige Geräte mehr. Auch möchten wir auf eine sehr umfangreiche Sammlung von mobilen analogen Funkgeräten hinweisen. Vom Teleport 2, aus den 1950er Jahren, bis hin zum   11.111 Teleport 9 in vergoldeter Ausführung können Sie in unserem Museum bewundern.

Sollten wir mit dieser Dokumentation Ihr Interesse geweckt haben, so besuchen Sie uns, wir freuen uns auf Sie. Also: Bis bald!

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